Stress aus ganzheitlicher Sicht

Stress aus ganzheitlicher Sicht

Stress ist ein vielstrapazierter Begriff. Ganz allgemein bezeichnet er in erster Linie einen unangenehmen Zustand der Überforderung. Die spürbaren Auswirkungen werden auf emotionaler, mentaler und physischer Ebene mehr oder weniger stark wahrgenommen. Ein gewisses Ausmaß dieses Zustandes, sofern er über einen begrenzten Zeitraum anhält und ein Ende mit anschließender Aussicht auf Entspannung absehbar ist, ist auch nicht ungesund. Wird die Anstrengung von Erfolg gekrönt und haben wir gar das Gefühl, die eigenen Grenzen überwunden zu haben und über uns hinaus gewachsen zu sein, erleben wir sogar einen Zustand der Euphorie. 

Schwierig und ungesund wird es dann, wenn man keine Möglichkeit sieht, innezuhalten, um sich zu erholen. So hat es die Natur auch nicht vorgesehen. Dazu muss man wissen, was sich bei Stress in unserem Organismus abspielt: Unsere Vorfahren in der Steinzeit hatten es noch mit wilden Tieren zu tun. Die Begegnung mit dem berühmten Säbelzahntiger lies wenig Spielraum für Überlegungen – kämpfen, flüchten oder erstarren. Vor allem zum Zwecke der ersten beiden Optionen ist unser Körper mit zwei relativ kleinen, aber überlebensnotwendigen Drüsen ausgestattet- den Nebennieren. Diese schütten Adrenalin aus, das die Pupillen erweitert (dadurch wird der Blick in die Ferne geschärft, zum Lesen ist im Angesicht eines Tigers eh keine Zeit), Herzschlag und Atmung beschleunigt und die Blutgefäße in der Muskulatur erweitert, sodass diese besser durchblutet wird und Höchstleistung erbringen kann. Energiereserven werden mobilisiert, um den nötigen Brennstoff zu liefern, gleichzeitig wird die Verdauung heruntergefahren. Auf psychischer Ebene erzeugt es einen Zustand erhöhter Wachsamkeit und Aggression.

Ist die Gefahr vorüber, sinkt der Adrenalinspiegel, bzw. steigen andere Botenstoffe, die den Ausgleich schaffen. Wurde das gefährliche Raubtier sogar erlegt, gab es zur Belohnung auch noch etwas zu essen. Wenn allerdings hinter der nächsten Ecke der nächste Todfeind wartet, wird der arme Mensch entweder gefressen werden oder es trifft ihn der Schlag. Das ist jetzt etwas überzogen formuliert, soll jedoch veranschaulichen, dass Dauerstress, der im Organismus genau die gleichen biochemischen Vorgänge erzeugt, anrichten kann.

Ich möchte jedoch weg von dieser vereinfachten Darstellung und mehr zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise führen, ist Stress doch heutzutage ein viel komplexeres Geschehen mit vielen Gesichtern. Unsere Wahrnehmung dessen und unsere diesbezügliche Toleranz und Ausdauer ist von mehreren Faktoren abhängig: Sie wird durch Konstitution, Temperament, Wertvorstellungen, Wünsche und Ziele bestimmt. Von klein auf werden wir durch Erziehung und den Austausch mit unserem sozialen Umfeld geprägt. Diese Erfahrungen ermöglichen uns im Idealfall ein erfolgreiches und erfülltes Leben, wenn wir gelernt haben, was wir wollen und was uns guttut und wie wir es erreichen können. Dazu gehört auch ein gesundes Selbstwertgefühl. Ein bedingungsloses Annehmen unseres Selbst ohne Wenn und Aber. Unter diesen Voraussetzungen können wir zumindest den Stress reduzieren, den wir uns selbst machen, denn der schlimmste Kritiker und Antreiber sitzt oft in uns selbst! Viele Menschen definieren sich über Leistung: Aussehen, beruflicher Erfolg, sportliche Leistungen (die Liste lässt sich beliebig fortsetzen) und vergleichen sich ständig mit anderen. Die Ziele werden dabei immer höhergesteckt, anstatt mit dem Erreichten zufrieden zu sein. Jede oft nur vermeintliche Kritik oder die Annahme, dass die/ der Kollegin/Kollege, PartnerInn, FreundInn, auf irgendeine Weise besser ist, verstärken das unangenehme Gefühl, nicht genug zu sein oder zu haben. Sich das einmal bewusst zu machen ist bereits ein guter Anfang. 

Im zweiten Schritt sollte man sich einmal die Zeit nehmen und aufschreiben, in welchen Situationen man sich besonders gestresst fühlt und welche Gefühle, Gedanken und Ursachen damit verknüpft sind. Was tut mir nicht gut? 

Was will ich ändern? Das geht natürlich nicht von heute auf morgen und ist ein stetiger Lernprozess, der aus vielen kleinen Schritten besteht. 

Oft ist es so, dass die nötige Kraft fehlt, um selbst aktiv zu werden. Auch wenn das Bewusstsein vorhanden und der Wille zur Veränderung da ist, fällt es schwer. In zwingenden Fällen, wie anhaltender Schlaflosigkeit oder quälenden Magenbeschwerden kommen oft vom Hausarzt verschriebene Medikamente zum Einsatz, die zwar Linderung verschaffen, das Problem jedoch nicht an der Wurzel packen. Meist kommen immer neue Beschwerden hinzu, da sich das ständige Anfluten von Stresshormonen auf alle Zellen auswirkt. Um den Ausstieg aus dem Hamsterrad zu schaffen und den Organismus wieder in ein natürliches Gleichgewicht zu bringen, bietet sich die Homöopathie als ganzheitliche Methode an: In einem ausführlichen Anamnesegespräch werden die oben genannten Themen unter die Lupe genommen und zusätzlich bestehende körperliche Symptome genau erfragt. 

Bei länger anhaltenden Beschwerden, wie Magenschmerzen, Appetitlosigkeit, Verdauungsbeschwerden, gynäkologischen Problemen, Erschöpfung und/ oder depressiver Verstimmung, empfehle ich immer auch zusätzliche Untersuchungen.  Eine zugrundeliegende Anämie, Gastritis, Schilddrüsenüberfunktion oder hormonelle Dysfunktion sollten unbedingt erkannt und im Rahmen der homöopathischen Behandlung berücksichtigt werden. Die Behandlung sollte durch einen ausgebildeten homöopathischen Facharzt oder -ärztin erfolgen. 

Eine gut gewählte homöopathische Arznei wirkt auf allen Ebenen regulierend und gibt dem Organismus die Möglichkeit, schädigende Prozesse aufzuhalten. Je länger die Beschwerden anhalten, desto länger dauert es. Meist sind dafür mehrere Arzneien hintereinander notwendig. Wer sich auf diese Reise einlässt, lernt sich selbst besser kennen und entwickelt mit der Zeit ein Gefühl für sich und seine Bedürfnisse. Viele Patienten lernen wieder, sich selbst zu spüren und entwickeln automatisch einen gesünderen Umgang mit sich selbst und ihrem Körper.

Wer bei leichten und erst seit kurzem bestehenden Beschwerden gerne selbst einen Versuch wagen will, kann sich an den hier angegebenen Beispielen orientieren: 

Zincum metallicum
Geistige und körperliche Unruhe, vor allem rastlose Beine. Man ist erschöpft, weil man den ganzen Tag in Bewegung war und kann einfach nicht aufhören. Die Gedanken kreisen um unerledigte Dinge und die Anforderungen, die in den nächsten Tagen und Wochen noch anstehen. Meist geht es dabei um das Alltagsgeschehen, den Haushalt und Routinearbeiten. Es ist wie eine Endlosschleife.

Acidum arsenicosum
Finanzielle Sorgen, Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes aber auch Angst vor Krankheiten. Wer diese Arznei braucht, ist ein Mensch, der seine Arbeit gewissenhaft erledigt und sich keinen Fehler erlauben kann. Ordnung und Sauberkeit sind ihm mindestens genauso wichtig und er vermeidet unnötigen Kontakt, um sich nicht anzustecken. Kleinste Krankheitszeichen erzeugen Unruhe: Es könnte etwas Ernsteres dahinterstecken oder man macht sich Sorgen, falls man deswegen in der Arbeit ausfällt. Nachts poppen immer wieder Gedanken auf, ob nicht vielleicht doch irgendwo ein Fehler passiert sein könnte. Die ständige innere Unruhe resultiert oft in extremer Schwäche. Nicht selten leiden diese Menschen unter brennenden Magenschmerzen. Weiterhin bestehen Mundtrockenheit und großer Durst, wobei immer nur kleine Mengen getrunken werden können.

Acidum picrinicum
Man hat das Gefühl, dass einem alles über den Kopf wächst. Eine Aufgabe, die man übernommen hat, erscheint zu groß oder man hat das Gefühl, aus eigenem Antrieb Großes vollbringen zu müssen. Neben Schlaflosigkeit macht sich vor allem starke körperliche Erschöpfung mit Schwäche der Muskeln breit. Man schafft es morgens kaum aus dem Bett. 

Avena sativa
Diese Menschen neigen dazu, sich für Familie, Freunde oder Kollegen aufzuopfern und fühlen sich ausgenutzt. Sie reiben sich auf und dann fehlt die Kraft, für sich selbst zu sorgen. Mahlzeiten werden ausgelassen, stattdessen entwickelt sich  Hunger auf Süßes. Häufig entstehen nervöser Kopfschmerz, Konzentrationsstörungen und Schlaflosigkeit, nicht selten besteht ein Hang zu übermäßigem Alkoholkonsum.

Ambra
Diese Menschen sind sehr sensibel, nehmen sich Vieles zu Herzen und können oft schlecht mit Veränderungen umgehen. Häufig besteht Schlaflosigkeit durch Gedankenandrang. Sie haben meist eine Beziehung zum Meer und fühlen sich dort besonders wohl. Hautprobleme erzeugen ein starkes Unwohlsein: Man fühlt sich schmutzig und schämt sich, hat Angst unter Leute zu gehen. Die Hautausschläge, äußern sich durch Jucken und Wundheit und verschlimmern sich durch Wärme und Schwitzen. Sie treten besonders an Oberschenkeln und im Genitalbereich auf.

Globuli in der Potenz D 12 sind rezeptfrei erhältlich und können abends eingenommen werden: 5 Globuli auf der Zunge zergehen lassen. Zehn Minuten vor und nach der Einnahme nichts essen oder trinken.

Ein Warnhinweis: 
Wer zu schwerer Urtikaria neigt, sollte sich lieber in fachkundige Hände begeben, denn die falsche Arznei oder auch die falsche Stärke und Dosierung kann die Haut ziemlich in Aufruhr versetzen. Eine homöopathische Heilung erfolgt von innen nach außen und kann bei Menschen, die dazu neigen, vorrübergehend Hautreaktionen hervorrufen. Im Falle einer gut gewählten Arznei, ist diese Reaktion durchaus positiv zu werten. Sie ist absehbar und beherrschbar und führt letztendlich insgesamt zu einem deutlichen Rückgang, der Hautbeschwerden.