Pustekuchen und wie wir das gebacken kriegen!?

Pustekuchen und wie wir das gebacken kriegen!?

Ich sitze vor meinem Computer und bin ratlos. Nichts passt. Seit Tagen fühle ich mich unwohl in meiner Haut. Gedankenleer. Müde. Bleiern. Mein Kopf fühlt sich schwer an. Ich mag dieses Gefühl nicht. Die Leichtigkeit fehlt. That suck´s ordentlich. Da gab es einen Todesfall, die Not-OP eines jungen Mannes mit einem Zufallsbefund: Krebs, zwei Freundinnen mit Corona. Die Pandemie und der Krieg in der Ukraine. 

Die Augen so, als wären sie kurz davor, viele Tränen zu vergießen. Es fühlt sich an, als würde ich mich am liebsten wieder hinlegen, die Augen schließen und nichts mehr hören und sehen wollen. Den ganzen Tag nur „schöne Filme“ ansehen und die brutale Realität wegknipsen. In eine andere, schönere beamen. Zum Beispiel, mich daran erinnern, wie ich als kleines Mädchen mit meiner Bande im Wald gespielt habe und über blühende Sommerwiesen gelaufen bin. Mit weit ausgestreckten Armen. Pusteblumen pusten. Die Sonne schien. Ich war unbeschwert und frei und sprang vor lauter Lebensfreude in den beim Kraftwerk naheliegenden superkalten, tiefgrünen Fluss, der auf beiden Seiten von einer Baumallee umrandet war. Die Farblandschaft war zu jeder Jahreszeit prächtig. Am schönsten fand ich den Herbst. Ein Blättermeer lag auf dem Wasser. Mein Vater schimpfte, weil wir sein ganzes Werkzeug in den Wald trugen, um uns dort Baumhäuser zu bauen. Das Paralleluniversum unserer Kindheit. 

So ähnlich wie jetzt ging es mir schon einmal. Es war Anfang 2020, als die Pandemie ausgebrochen war und der erste Lock Down in Österreich verhängt wurde. Wie gelähmt lauschte ich den Worten des Nachrichtensprechers im ORF. 

Die Tage danach waren finster. Es war als hätte sich ein Schleier über alles gelegt und ich konnte nichts tun. Dieser Zustand hat mehrere Wochen angehalten. Danach ging es mit mir wieder bergauf. Jeder hatte so eine Phase des Einbruches zu einem anderen Zeitpunkt. Letztlich hat uns das im Team geholfen, den so waren immer die, die gerade auf der Höhe waren, auch diejenigen, die die anderen mitgezogen hatten. 

Jetzt wiederholt es sich. Es scheint noch schwerer als 2020. Die Pandemie ist noch nicht ausgestanden und wir haben Krieg. KRIEG. Das Wort fühlt sich kalt und fremd und unfreundlich und unreal an. Die Ukraine ist von Wien so weit entfernt, wie ich heute Kilometer von Baden-Württemberg nach Wien fahren muss. Das ist nicht weit! 

Jeder führt im Alltag seine persönlichen Kriege. Gegen den Chef, die Ehefrau, den unliebsamen Sohn, der nicht macht, was der Vater von ihm will, den Nachbarn, der seinen Baum nicht zurückschneiden möchte und die Äste samt Obst im eigenen Garten landen. Wir führen kleine und größere Kriege. Manche landen vor dem Richter. Spätestens dann hat man die Verantwortung an den Richter abgegeben und vieles nicht mehr in der Hand.  Emotional auf Menschen unreflektiert losgehen kennen wir alle. Aus der heftigen Emotion heraus kann es schon einmal passieren, dass wir uns im Ton vergreifen. Wir haben unsere Persönlichkeit nicht immer so im Griff, wie wir es gerne hätten. Andere wollen nicht an sich arbeiten, weil sie sich selbst so OK finden, wie sie sind und ändern ihr Verhalten erst, wenn der Leidensdruck enorm wird. Seltene Spezies ändern sich so gut wie nie. 

Diese kleinen abartigen Perversionen anderen Menschen schaden zu wollen zeigen sich überall. Man weiß, wo der Schlüssel liegt, sagt es dem Partner aber nicht. Die Ehefrau, die sauer auf Ihren Gatten ist und ihm das Essen versalzt, weil er wieder zu spät von der Arbeit nach Hause gekommen ist. Der Mitarbeiter, der seine Arbeit verschlampt, weil er stinkwütend auf den Chef ist, der ihm abermals keine Gehaltserhöhung geben wollte und ihn hinterrücks als geiziges Arschloch bezeichnet. Die Freundin, der man tagelang nicht antwortet, weil sie sich nicht zum hundertsten Mal die eigenen ewig gleichen Probleme anhören will, anstatt, dass wir endlich an unserer Situation etwas ändern. Manchmal aus Faulheit, manchmal aus Angst oder Unsicherheit. Oder weil wir einfach nicht wissen wie. 

Krieg führen gegen andere, passiert in unserer Gesellschaft ununterbrochen. Wer tieferen Einblick hat, würde so manches blaues Wunder erleben. Es wird mit harten Bandagen gekämpft und manche haben es sich zum „Sport“ gemacht. Auch wenn wir die vielen Kleinigkeiten oder scheinbaren Nebensächlichkeiten nicht als „Kriegführen“ verorten wollen, sind sie da.  Die Gründe dafür sind so vielfältig wie es Menschen gibt. Wir handeln aus Angst, Verzweiflung, Hass, Zerstörungswut, Eifersucht, Neid oder wirtschaftlichen Interessen. Für manche ist es die blanke Freude an der Zerstörung. Das sie sich dabei nur selbst zerstören, ist ihnen nicht klar. Perversionen und Abartigkeiten in Form von Racheaktionen stehen an der zwischenmenschlichen Tagesordnung. Dann erscheint auch schon mal aufgrund gekränkter männlicher Eitelkeiten, die einst so heiß geliebte und beim Sex gefilmte Partnerin öffentlich zugänglich im Internet und wird zur Schau gestellt. Menschen greifen aus dem Hinterhalt an und wollen einschüchtern, bedrohen, drohen, erpressen, erniedrigen, demütigen oder verleumden. 

Andere versuchen mit Schreiben von anonymen Nachrichten oder Briefen zu manipulieren und verfolgen destruktive Ziele. Wiederum andere bieten Geld und hoffen darauf, dass Menschen käuflich sind. Viele sind es auch, sagte ein bekannte Psychiater und ergänzte mit den Worten „jeder habe seinen Preis“.  Der alltägliche Wahnsinn eben, der in unseren Leben um sich greift. Jeder kennt einen Menschen, den er lieber meidet, weil er ihn als destruktiv empfindet und daher keine Berührungspunkte haben möchte. Wir alle kennen auch die besondere Spezies Mensch, der ständig und wiederholt über andere schlecht redet und damit versucht andere zu manipulieren. 

Ich wünschte, jeder Mensch würde begreifen, dass wir täglich mit all unseren Emotionen, Gedanken, Handlungen und unerledigten Geschichten unserer Persönlichkeit das kollektive Feld speisen, von dem wir auch ein Teil sind.  Einige kennen es vielleicht als morphogenetisches Feld. Auch würde ich mir wünschen, dass Menschen ihre alltäglichen Kriege gegen ihre Mitmenschen oder aber auch sich selbst beilegen und sich darauf besinnen, in ihrem Innersten ordentlich Bilanz zu ziehen und aufzuräumen. 

Mit all den unerledigten Gefühlen, Traumen und negativen Erfahrungen, die sie antreiben, anderen Menschen zu schaden oder sie gar vernichten zu wollen. Letztlich schadet sich jeder nur selbst, auch wenn es für den Täter lange nicht so danach aussieht. 

Ich kann versichern, auch wenn das scheinbar im Außen befindliche Problem, die sogenannte Projektionsfläche verschwindet, die Gefühle im Inneren bleiben und in Wahrheit hat man mit Destruktivität nichts gelöst. Mit Gewalt Gewalt lösen zu wollen, ist keine Lösung. Aber irgendwie erleben wir gerade, dass Gewalt doch wieder als Lösung herangezogen wird. Was würde Marshall Rosenberg zu alledem sagen? Er hatte viel Erfahrung als Vermittler, auch zwischen Ländern. 

Einige von uns betrifft der Angriff der Ukraine. Manche von uns haben Ihre Familienangehörigen dort. Ich höre, dass es nicht möglich ist, mit dem Auto die Stadt zu verlassen, weil auf Autos geschossen wird. Ich höre, wie einer Mutter mit einem 2-jährigen Kind bald das Essen ausgeht. Was ich höre gefällt mir nicht. Was ich sehe, noch viel weniger. 

Der Gedanke, dass vielen Menschen, die auf medizinische Hilfe angewiesen sind, keine Hilfe mehr bekommen können, weil Spitäler zerbombt werden, Medikamente nicht mehr lieferbar sind, ist unfassbar. Sogar die meisten Lebensmittelgeschäfte haben geschlossen und vor den paar wenigen, die noch geöffnet haben, müssen Menschen um ihr Essen anstehen. 

Ich sitze in einer warmen Wohnung. Mein Kühlschrank ist voll. Geht mir etwas aus, kann ich es jederzeit in einem Laden nachkaufen. Aus meinem Wasserhahn fließt Trinkwasser. Meine Medikamente befinden sich in der Medikamentenlade und sollte mir etwas fehlen, kann ich zum Arzt gehen. Vor meiner Haustüre steht ein Auto, es ist vollgetankt und ich kann hinfahren, wohin ich möchte. Auf meinem Bankkonto befindet sich Geld und ich gehöre zu den Menschen, die trotz Pandemie Arbeit haben. Wenn ich möchte, schalte ich den Radio und den Fernseher aus und blicke aus meinem Fenster ins Grüne. Meine Nachbarn bauen gerade ihr neues Haus. Mein Hund liegt entspannt neben mir und freut sich auf den nächsten Spaziergang. Auch für ihn habe ich genug zu Essen. 

Wir leben in einer Welt des Luxus, den viele Menschen in anderen Ländern nicht haben. Obwohl auch wir sehr viel Grund zur Sorge und zum Beklagen haben, so sind wir mit dem nötigsten, das der Mehrheit – ich denke nur an Zugang zu sauberem Trinkwasser oder medizinischer Versorgung – auf diesem Planeten fehlt.

In der Regel müssen wir uns keine Sorgen darüber machen, dass Insulin, Blutdruckmedikamente, Kortison, Antihistaminika o. a. nicht verfügbar sind. In der Ukraine werden Kinder sterben, da es keine Medikamente mehr gibt. 

Und auch, wenn manche von uns monate- oder auch jahrelang auf einen Arzttermin in Deutschland warten müssen, letztlich, wenn es darauf ankommt, können wir in die Notaufnahme eines Krankenhauses und bekommen im Rahmen des menschen-möglichen Hilfe. 

Fotocredit: Bodo Felusch