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Guck! Ein Loch!

Guck! Ein Loch!

Eine wunderbare Gelegenheit zum Durch-Schauen! Es gibt so viele Möglichkeiten des Schauens: nach oben, unten, rechts oder links. Wir können doof schauen, schief, manchmal auch blöd oder böse. Manchmal gucken wir verdutzt, ein anderes Mal schauen wir ganz lieb oder verträumt. Wir schauen auch räumlich, nach außen und nach innen. Manchmal führt uns das äußere unmittelbar in unser Innerstes.

Wir nehmen Geräusche, Farben, aber auch Gerüche, Stimmungen wahr. Was genau es ist, wissen wir häufig nicht. Ein Stück weit Innenschau bringt uns in jedem Fall unserem Innenleben näher.

Gestern durchstöberte ich meine persönlichen Aufzeichnungen. Ich war auf der Suche nach einem Großereignis und fand und fand es nicht. Bei all dem Öffnen und Schließen und reinlesen in die vielen Papiere stolperte ich über einen Text:

„Heute war ein arger Tag“

Der Drucker ging ned´. Ich wurde so wütend, und so nervös und am liebsten hätte ich auf den Drucker drauf´ghaut.

Habe´ ich auch! Half aber nix.!

Dafür ist die Aussicht aus meinem Fenster schön! Schauen ist erheiternd, angenehm, beruhigend, entspannend, aufwühlend, verletzend, unangenehm, unbequem. Doof. Blöd. Manchmal eben nur saublöd! Wer will schon alles sehen?!

Doch auf den zweiten, dritten oder vierten Blick entdecke ich vielleicht etwas Neues. Über mich? Etwas, dass ich mir schon zum hundertsten Mal angesehen und in alle Richtungen gedreht und gewendet habe, wie ein Mobile, dass schon seit Jahren in der einen Ecke des Hauses verstaubt von der Decke hängt und sich bei jedem kleinsten Windhauch in die gewohnten Richtungen bewegt.

Meine Seele bewegt sich. Ich kann die Bewegungen spüren. Manchmal bewegen wir uns eben ungewohnt. Ungeplant. Ungeschönt. Ungefärbt. Ungeschminkt. Und gucken dabei vielleicht auch noch doof.

Ich gebe einen großen Krapfen auf Konventionen. Die Deutschen füllen die Krapfen mit Erdbeermarmelade! Für einen Wiener, und damit meine ich keine Frankfurter, ist das „Oarg“!

In einen Krapfen, bitte schön – wie der Wiener sagt – gehört Marillenmarmelade und nur die und sonst nichts.

Ich bin mit mir allein. Niemand sieht zu. Der Drucker muss dran glauben. Oder meine Hand. Oder wir beide. Vielleicht hat es mir gutgetan. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Nicht einmal an die Situation selbst. Jedoch kann ich sie mir sehr gut vorstellen, die Hand, wie sie auf den Drucker schlägt. Ebenso, wie es nichts half.

Urtikaria kann einen schön fucking wütend machen.

Humor darüber gibt’s erst heute – viele Jahre später beim Lesen – wie ein lecker Sahnehäubchen auf dem Kaffee oder Stück Kuchen, verziert mit einer saftigen Süßkirsche oder Krapfen mit Marillenmarmelade. Yamm!

Wann hat Gewalt jemals geholfen? Hass erzeugt Hass, Wut erzeugt Wut. Conscere! Kapische! Doch dann, wenn die Gefühle hochkommen in diesen besonderen Momenten und man doch mal die Fassung oder gar Beherrschung verliert, dann schlägt die dunkle Seite zu und zeigt ihr Gesicht.

Wer dazu noch mehrmals am Tag Kortison in hohen Dosen bekommt, ist froh, wenn der Drucker nicht aus dem Fenster geflogen kommt, im Garten auf dem Boden aufprallt und dort zu Bruch geht. Ich kenne jemanden, der hat es getan!  

Eine Stimme in mir beschwichtigt: es darf sein. Klar, darf es das! Solange der Drucker noch heil ist und niemand zu Schaden kommt, auch deine Hand nicht – plappert Mister Moral und Wichtigtuer mir von links oben über meinem Kopf runter zur Schulter!

Wie ist das Loch in das Metall reingekommen? Wurde es gesprengt? Reingedrückt? Wieviel Gewalt musste angewendet werden, damit es entstehen konnte? War es bewusst oder unbewusst?

Wer auch immer das Loch da reinmachte, hatte er im Sinn, die Sicht freizulegen, auf diesen wunderschönen Weg mit diesem erbaulichen Weitblick? Oder wollte er sich nur abreagieren?

Wenn nur unsere Absicht zählt und das Ergebnis gut, ist der Weg dorthin, egal wie wir ihn gegangen sind, mit dem Guten gerechtfertigt? Und was, wenn der Weg auf einen Steg führt und wir am Ende nur noch ins kalte Wasser springen können, um wo auch immer anzukommen? Selbst, wenn es der Grund im See sein sollte. Was entdecken wir? Wohin führt der Weg, in der Qualität, in der wir ihn gehen? Ist der Weg dann dennoch gut?

Eines ist gewiss. Das Einzige, das uns am Ende bleibt, ist die Aussicht darauf, dass wir über uns selbst dazulernen können. Manchmal dauert es Jahre. Manchmal gewollt, manchmal ungewollt, manchmal erfahren wir angenehmes über uns oder andere. Einiges missfällt uns derart, dass wir es gleich wieder verdrängen (wollen).

Für manche Erkenntnisse benötigen wir mitunter ein Jahrzehnt. Die Zeit spielt uns zu.

Mit den Jahren reifen wir, jeder auf ganz individuelle und einzigartige Art und Weise.

Was wir über uns selbst und andere denken, bildet nur selten die Realität dessen ab, was wirklich ist oder wer wir wirklich sind oder auch zu sein glauben. Auch wenn wir denken, wir hätten immer die Wahl auf die Qualität dessen, wie wir unsere Wege gehen, eines ist klar wir sind nicht unfehlbar.

So manche Menschen laufen einem Irrtum auf und mögen meinen, nur weil sie etwas geschafft hätten, könnten andere es auch. Selbst wenn die Absicht noch so gut sein sollte, dahinter verbirgt sich eine Arroganz, Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit, die nur so vom Himmel strotzt.

Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Andere sollten uns nicht als Orientierung dienen, denn damit lassen wir uns wunderbar von uns selbst und unserem eigenen Weg ablenken, im schlimmsten Falle sogar abbringen, wenngleich auch dass dann ein Teil unseres Weges ist.

Die Fußspuren unseres Lebens, die wir hinterlassen, zeugen davon, dass wir unseren Weg gegangen sind. Vielleicht sagen sie auch etwas darüber aus, wie wir ihn gegangen sind. Sie sind vielleicht auch noch dazu geeignet, dass andere darin ihren Weg finden oder sie werden dazu motiviert ihren eigenen zu suchen und zu beschreiten.

Jedes Leben ist einzigartig und ausgerichtet, auf Wachstum und Gedeihen, solange wir es nicht blockieren. Doch das ist eine andere Geschichte.

Genießen Sie den Ausblick, den Fernblick worauf auch immer Sie gerade ihren Blick richten und vergessen Sie nicht, hin und wieder nach innen zu gucken, um zu wissen, was bei ihnen in ihrem tiefsten Innersten los ist und ob Sie noch auf ihrem ureigenen, ganz individuellen Weg sind. Ganz egal, wohin er führt.

Sind sie schon auf dem Weg?

Foto: Bodo Felusch