An mich

An mich

Liebes Ich-vor-über-zwanzig-Jahren,

es ist weder leicht, diese Zeilen zu schreiben, noch sie vermutlich zu lesen. Ich weiß nicht so recht, wie ich es am besten formulieren soll, ohne dich zu ängstigen.

Wenn ich dir jetzt sage, dass du an einer Urtikaria erkranken wirst und dein Leben nicht mehr so sein wird, wie es einmal war, dann wirst du mich, ähm dich, für verrückt erklären.

Ha, na ja, es ist ja schon beklemmend oder nah dran an unglaubwürdig, diesen Brief in Händen zu halten. Aber erst mal bleibe ich beim Thema und erzähle dir, was in den nächsten Jahren passieren wird.

Es beginnt mit einem dicken Zeigefinger nach dem verhassten Unkrautjäten. Und artet recht schnell in kleine bis riesige Flecken aus, die dich entstellen, dir Schmerzen verursachen und dein Leben aus der Bahn hauen. Du kannst nicht mehr so ausgiebig leben, wie du es zuvor getan hast oder es noch vorhast. Wenn andere bis in den nächsten Tag hinein feiern, musst du nach Hause und schlafen. Sport wird für dich nahezu unmöglich. Belastung immer mehr zur Qual. Sex? Ja, was soll ich sagen? Er wird dir die Füße unter dem Körper wegziehen. Und zwar nicht, weil er so gut ist, sondern weil dein Kreislauf danach zusammenbricht.

Wo diese Flecken genau herkommen, weiß man nicht. Wann sie wieder gehen, weiß man nicht. Den Ursprung kennt keine Sau, und die Ärzte werden dir nicht helfen. Ihre größte Regung wird ein ratloses Schulterzucken sein, gepaart mit einem mitleidigen Blick. Deine Mutter wird für dich viel Geld bei sogenannten Heilern und Homöopathen ausgeben, die alle nichts bringen. Rein gar nichts. Aber lass deine Mutter machen, denn sie muss das Gefühl haben, etwas Sinnvolles zu tun. Das ist ihr Ventil.

Du wirst dich nicht unterkriegen lassen. Zeigst deiner Krankheit den Stinkefinger. Gibst ihr Raum, aber nimmst dir auch welchen. Mit Konsequenzen zu leben, lernst du schnell. Jedes Stück Raum, das du dir nimmst, bestraft dein Körper. Was du jedoch finden wirst – und das ist eigentlich das Wichtigste – ist Ruhe und einen Weg zu dir selbst.

Vermutlich grinst du jetzt saublöd und überheblich, wie du es gerne tust, schließlich weißt du alles besser. Du stehst kurz davor, diesen Brief zu zerknüllen und mit deiner Zigarette anzuzünden. Kein Wunder, denn du bist süße, pubertierende sechzehn Jahre alt. Aber lies bitte trotzdem weiter, denn ich bin den Weg, der vor dir liegt, bereits gegangen.

Kurz nach dem du erkrankst, wirst du an dir selbst zweifeln. Du wirst heiße Tränen der Wut weinen. Gibst anderen die Schuld, nur um sie im nächsten Moment, dann doch wieder in deine eigenen Schuhe zu schieben. Lass das! Fang lieber früh genug an, in dich hineinzuhorchen. Denn du – und nur du – bist der Mittelpunkt deines Lebens. Jetzt heißt es aussortieren. Anpacken. Krempel die Ärmel hoch und schwing deinen faulen Hintern. Die Baustelle „Selbstliebe“ ist hiermit eröffnet. Du kannst natürlich ein Schild vor die Tür hängen, auf dem steht „Wegen Umbauarbeiten vorübergehend geschlossen. Vielleicht sehen wir uns in einigen Jahren wieder“, aber das wird dir nichts bringen. Denn nicht nur dein Inneres, sondern vor allem die äußeren Einflüsse, werden jetzt zur Dauerbaustelle.

Es gibt viele Menschen und Situationen, die dir Nerven und Zeit rauben. Du wirst hinein gequetscht oder belagert. Du wirst von ihnen belästigt, bombardiert mit Narzissmus und falscher Selbstliebe. Deine Haut wird völlig durchdrehen und dein Körper wird vor Erschöpfung schreien. Du wirst auf kalten Fliesen liegen, um ihn vor einem Zusammenbruch zu bewahren. Lass es nicht so weit kommen.

Denn genau jetzt heißt es: Zück das Stoppschild, hau es ihnen um die Ohren und ziehe eine Grenze. Nein, nicht nur eine Grenze. Mach einen Graben daraus, flute ihn mit Wasser und lass Haie darin schwimmen. Dein Leben – dein Schloss – deine Sicherheitszone.

Ich gebe dir jetzt drei Gegenstände an die Hand: 

Erstens – eine Schere namens Mut, um Beziehungen zu beenden und dich von Freunden zu trennen. Menschen sind keine Welpen im eisigen Schnee. Jeder ist sich selbst am nächsten. Sei du es auch. Dasselbe gilt für Dinge, Situationen oder Jobs.

Zweitens – einen Spiegel namens Stärke, um zu erkennen, dass es gut so ist und so bleiben darf. Hast du erst mal Entscheidungen getroffen, bereue nichts. Es ist nicht umsonst, denn alles hat seinen Grund. Du wirst sehen, wie schnell du besser aussiehst, wenn du in neuen Momenten stehst und neues Licht dein Gesicht erhellt.

Und drittens – einen Farbkasten namens Freude, mit dem du dein Leben so gestalten kannst, wie du es möchtest und wie es zu dir passt. Pack den Pinsel aus und sei kreativ.

Du wirst schnell merken, dass zum einen deine Haut mehr Ruhe findet und ebenso deine Seele. Zum anderen wird es dich zu Dingen und an Orte bringen, an denen du dich selbst nie gesehen hättest. Ich sage dir eins, es wird lustig, spannend und toll. Glaub mir, es wird sich lohnen.

Und dann raffst du dich irgendwann auf und schreibst deinem vollpubertären, jüngeren Ich – dass sich vermutlich in diesem Moment an die Stirn packt und den Joint im Aschenbecher fragend anstarrt – einen Brief. Ja, so verrückt muss man erst mal sein. Wer hätte schon gedacht, dass in unserem Vorgarten mal ein Transporter für Kleinigkeiten stehen wird, mit dem wir Dinge in die Vergangenheit schicken können? Menschen zu transportieren, geht leider immer noch nicht. Das ist zwar schade, aber ich würde vermutlich nur auf noch mehr dumme Ideen kommen. Du wirst definitiv mal jemand sein, der viele davon haben wird und umsetzt.

Ich wünsche dir eine Menge Spaß dabei und tu mir einen Gefallen: Rauch nicht so viel Gras!