Lust auf Sex? Zusammenfassung aus einer Studie

Lust auf Sex? Zusammenfassung aus einer Studie

Erinnern Sie sich an den letzten wirklich schweren Schub, den Sie hatten? Unter Umständen war die gesamte Hautoberfläche betroffen und die Haut brannte wie Feuer oder juckte wie verrückt? Ich kann mich noch sehr gut erinnern. Jede Berührung ist schmerzhaft. Selbst das bloße liegen im Bett auf dem Rücken kann zur unerträglichen Qual werden. Ganz zu schweigen von der Körperhygiene oder dem Tragen von leichter Kleidung. Und bitte bloß keine Spitzenunterwäsche! Der zigfach gewaschene, gute, alte, weiche Baumwollschlüpfer ist am besten. Oder man geht gleich ganz ohne. Je nachdem wie schlimm die Quaddeln sind. Und vor allem wo!

Wer hat in so einer Phase Lust auf körperliche Nähe oder gar Sex? Egal ob mit seinem Vibrator, dem frischgebackenen One-Night-Stand oder dem werten Ehegatten, der seine ehelichen Rechte zum Beischlaf einzufordern versucht. So manches Mal mit großem Unverständnis auf die andauernde Lustlosigkeit seiner Liebsten. Manche Männer werden auch mürrisch und schnell kann der Haushegen mangels gelebter Sexualität in Schieflage geraten. Schließlich möchte niemand und schon gar nicht auf Dauer zu kurz kommen. Doch die Lust bei uns Frauen ist oftmals einfach weg. Berührung wird zu etwas furchtbar Unangenehmen und am liebsten hat man seine Ruhe. Wer kann da schon aus seiner Haut heraus? Das Bett wird zur Zone des Schreckens. Es ist viel zu warm und die Quaddeln rauben uns nicht nur die Lust, sondern auch den nächtlichen Schlaf! Der Partner gesellt sich im Bett gut und gerne zu uns und will sich in Löffelchenstellung wohlwollend an unsere Körper schmiegen. Sein Körper ist warm und berührt uns überall dort, wo wir es im Moment kaum aushalten. Die körperliche Nähe wird zur Qual. Auf Dauer stellt das eine enorme Belastungsprobe dar. Zwar können wir Frauen emotionale Nähe auch sehr gut durch Gespräche herstellen und fühlen uns dadurch auch gut genährt, bei Männern überwiegt dann doch der Hang zur Körperlichkeit. Zumindest auf Dauer gesehen und wenn er nicht A-sexuell ist natürlich.

Aus wissenschaftlicher Sicht sind Einflussfaktoren der chronisch spontanen Urtikaria auf die sexuelle Funktionsfähigkeit von Frauen noch weitgehend unbekannt. Noch vor ein paar Jahren erst waren manche Ärzte davon überzeugt, wir Patientinnen „mögen uns nicht so anstellen“. Es seien doch nur ein paar Quaddeln!“. Manche von uns hören diese Aussage noch heute und leiden unter dem Unverständnis.

Jeder, der über viele Jahre mit einer mittelschweren bis schwere Form der Urtikaria leben muss, weiß, diese Aussage ist falsch. Die täglichen Einschränkungen sind enorm und wirken sich massiv auf unsere Lebensqualität aus. Alle Bereiche können davon betroffen sein und eben auch unsere Sexualität.

3 von 4 Patienten mit CSU sind Frauen. Daher ist es umso interessanter herauszufinden, wie sich die Urtikaria auf unsere Sexualität auszuwirken vermag. In der Studie hatten 67,9 % der Frauen sexuelle Dysfunktionen. Diese waren verbunden mit Angstzuständen, Depressionen und Müdigkeit. Wer kennt das nicht? Mit einem Schub einhergehend empfinden wir häufig ein krankheitswertiges Gefühl, fühlen uns matt und manche von uns entwickeln Ängste. Wiederkehrende Schübe und Angioödeme, insbesondere wenn der Hals betroffen und schon einmal zugeschwollen war, können Angst machen. Diese kann sich zu Angst- und Panikattacken auswachsen.

Die Beeinträchtigungen in der Lebensqualität waren signifikant insbesondere bei Patientinnen mit Angioödemen im Vergleich zu denen ohne. Auch das können wir nachvollziehen. Urtikaria und Angioödeme stellen oft eine sehr schwere Belastung für uns Frauen dar. Insbesondere, wenn unsere Gesichter, oder auch nur die Augen oder Lippen davon betroffen sind.

Eine der gewonnenen Erkenntnisse ist, dass weitere Studien über die sexuelle Gesundheit bei Patientinnen mit CSU benötigt werden. Auch sollte man sich auf die Auswirkungen einer wirksamen Behandlung konzentrieren, meint man. Die Einschränkungen sind bei anderen Erkrankungen wie Diabetes, Multipler Sklerose, rheumatoide Arthritis, Spondylitis anklyosans, Fibromyalgie, Asthma, allergische Rhinokonjunktivitis nur um einige zu nennen bekannt. Auch bei Patientinnen mit Darmerkrankungen ist es so, dass ein größeres Auftreten von Einschränkungen in der Sexualität vorliegt. Bei Multipler Sklerose zum Beispiel war die sexuelle Dysfunktion in einer Studie signifikant verbunden mit dem Schmerzniveau, der Dauer, der Erkrankung und damit einhergehenden Depressionen. Verständlich, dass man herausgefunden hat, dass die mangelnde Sexualität auch negative Auswirkungen auf die Lebensqualität hat, die Krankheitsaktivität erhöhen kann, diese sich auf die sexuellen Beziehungen auswirkt und auch Stress auslösen kann. Sexualität gehört zu unserem Leben dazuund ist für unsere seelische Gesundheit und Ausgeglichenheit wichtig.

Weibliche Patienten mit CSU sind schwerer betroffen und leiden häufiger an Schlafstörungen als Männer. Auch die weiblichen Geschlechtshormone tragen zu Schwankungen im Krankheitsverlauf bei. Viele Frauen berichten uns von einer Verschlechterung der Urtikaria mit Eintreten der Periode, während und/oder nach der Schwangerschaft oder wenn sie in die Wechseljahre kommen.

Man hat herausgefunden, dass Frauen mit einer CSU deutlich mehr sexuelle Einschränkungen haben. Je höher die Krankheitsaktivität, desto stärker war die sexuelle Beeinträchtigung der Funktion. Bei Frauen mit CSU und Angioödemen ist die Dysfunktion noch häufiger. Wen wundert´s?! Eine verminderte sexuelle Funktion ist verbunden mit Angstzuständen, Depressionen und Müdigkeit. Fast die Hälfte der Patientinnen in der Studie hatte Depressionen. Jede dritte Angstzustände.

Das erfreuliche an der Studie ist, dass die Ergebnisse für die Wissenschaftler so alarmierend waren, dass sie zum weiteren Handeln auffordern.

Festgestellt haben will man auch, dass die Auswirkungen auf die sexuelle Gesundheit, andere sind, als zum Beispiel jene auf unsere geistige Gesundheit, sprich bei Depressionen oder Angstzuständen.

Wir Frauen wissen und kennen es nur allzu gut. Wenn unsere Schamlippen angeschwollen sind, und zwar nicht, weil uns unser Partner liebevoll stimuliert hat, sondern weil sich Angioödeme gebildet haben, dass eine Penetration und sei sie noch so liebevoll ausgeführt, enorm schmerzhaft sein kann, weshalb wir gut und gerne auf Penetration verzichten. Zumindest für die Dauer der Angioödeme. Besonders unangenehm ist es dann, wenn Angioödeme erst durch die Penetration entstehen. Dann kann es schon passieren, dass der sexuelle Frust in der Beziehung Einzug hält und das Paar über Monaten oder gar Jahre keine Sexualität mehr lebt. Hier lohnt sich der Blick in die Beziehungsstruktur und ein Gespräch mit einem Therapeuten, je nachdem wie groß der Leidensdruck des Paares ist.

Ergänzen darf man an dieser Stelle noch, dass auch die Einnahme von Cortison, Antihistaminika oder Protonenpumpenhemmer eine Auswirkung auf die sexuelle Lust haben können und in dieser Studie nicht berücksichtigt wurden.

Alle Frauen stammten aus einem geografisch ähnlichen Gebiet mit einem ähnlich kulturellen Hintergrund. Spannend könnte auch sein, wenn Studien ausgedehnt werden auf andere ethnische Gruppierungen. Sexualität wird in jeder Ethnie anders gelebt und erfährt verschiedene Prioritäten. Aber das ist wieder ein ganz anderes, nicht minder interessantes Thema.

Neugierig bin ich jetzt schon auf die Untersuchungen mit Männern, die an CSU leiden und deren Auswirkungen auf die Sexualität. Wir dürfen gespannt sein, zu welchen weiteren Erkenntnissen die Forscher gelangen werden.

Das eine sexuelle Dysfunktion zu Problemen in der Partnerschaft führen kann, versteht sich von selbst. Sprechen Sie daher in jedem Fall mit ihrem Arzt darüber. Unsere sexuelle Gesundheit ist wichtig und eine wichtige Säule für ein gesundes, erfülltes Leben. Manche Hormone produziert unser Organismus im Gehirn beispielsweise nur dann, wenn wir Geschlechtsverkehr haben.

Umso besser Ärzte die CSU behandeln, umso weniger ursächliche sexuelle Funktionsstörungen, ebenso Angstzustände, Depressionen oder Müdigkeit und damit einhergehend können wir eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität erreichen.

In jedem Fall jedoch, egal, ob die CSU gut unter Kontrolle ist oder nicht. Sprechen Sie mit Ihrem Partner über ihre Lustlosigkeit. Erklären Sie ihm, wie es Ihnen geht, wo die Lustlosigkeit herkommt und dass diese nichts mit ihrem Liebsten selbst zu tun hat, sondern der Krankheit geschuldet ist. Werden sie kreativ. Unter Umständen mit Hilfe am besten einer Sexualberaterin/Sexualtherapeutin und finden Sie Wege und Möglichkeiten, wie Sie ihre Sexualität trotzt der CSU leben und miteinander erfahren können. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten Nähe in einer Partnerschaft zu leben.

Leider sind viele Menschen so stark von der Pornoindustrie bzw. deren Pornokonsum geleitet, dass viele kaum mehr in der Lage sind, die jedem Paar ganz eigene, individuelle Sexualität gemeinsam zu erforschen. Man könnte fast meinen Sex ist zu einem narzistisch geprägten Dauerhochleistungssport geworden und der Geist der seelischen Verschmelzung – wie in vielen anderen östlichen Lehren beschrieben – geht verloren.

Sexualität ist viel mehr als nur Penetration, Geilheit oder Orgasmus. Sie ist ein Zusammenspiel zweier, häufig sich liebender Menschen, die einander auf der Herzebene zugewandt begegnen und ein intensiver, sehr inniger, auf Gefühlsebene stattfindender Austausch von Energien.

Ein tiefer und langer Blick in die Augen kann erotischer, sinnlicher und erfüllender sein als ein multipler Orgasmus.

Sollten sie zu den Frauen gehören, die es ihren Partner gerne recht machen. Schlafen Sie bitte nicht aus Schuldgefühlen heraus mit Ihrem Partner. Davon möchte ich Ihnen aus ganzem Herzen abraten. Damit tun sie weder sich noch Ihrem Partner etwas Gutes. Auch mit diesem Thema stehen sie nicht alleine da und sind bei einer Sexualberaterin bestens aufgehoben. Ihr Partner möchte sicher nicht, dass sie ihm zuliebe etwas tun, was Ihnen Schmerzen bereitet.

Und wenn Sie einen der ganz mürrischen Sorte von Mann an ihrer Seite haben, geben Sie ihm Zeit mit der Situation fertig zu werden. Manche Männer definieren die eigene Männlichkeit über den Akt der Sexualität. Wenn diese wegfällt, muss der Mann lernen sich neu zu orientieren. Vielleicht möchte Ihr Partner sich auch einmal alleine mit einer Sexualberaterin austauschen. Oftmals hilft es auch, wenn Männer die Möglichkeiten haben, mit einer dritten, unabhängigen Person über die Bürden, die es im Zusammenleben mit einer Partnerin, die an CSU leidet, gibt auszusprechen. In einem geschützten Raum hat der Mann so die Möglichkeit, sich alles Belastende von der Seele zu reden. Schließlich ist er nicht krank und hatte vielleicht auch andere Vorstellungen für sein Leben. So wie Sie es vermutlich auch hatten. Es kann auch helfen, gemeinsam zu betrauern, dass sich die häufig rosig ausgemalte Zukunft nicht erfüllt hat, um dann gestärkt den Fokus auf das Neue im gemeinsamen Leben zu richten.

Wenn Sie heute Abend gemeinsam vor dem Fernseher sitzen und einen netten Film schauen, halten Sie doch Mal Händchen, so wie damals, als sie noch ganz frisch verliebt waren und blicken Sie sich dabei tief in die Augen.

PS: Bei Fragen zum Thema Sexualität oder Partnerschaft im Zusammenhang mit Urtikaria, können Sie sich vertrauensvoll an die Beratungsstelle des Urtikariaverbandes per Mail: beratung@urtikariaverband.eu wenden. Oder Sie wollen uns davon berichten, wie Sie Ihre Probleme in der Beziehung bewältigt haben und so anderen damit helfen, dann schreiben Sie uns an redaktion@incendi.at.