Verpflichtende Psychotherapie in der Reha?

Verpflichtende Psychotherapie in der Reha?

Es gibt inzwischen zahlreiche Studien aus der Neuropsychoimmunologie, die gut belegen, dass es Zusammenhänge zwischen frühkindlichen und kindlichen Traumatisierungen und zahlreichen Erkrankungen, insbesondere Autoimmun- oder chronischen Krankheiten geben kann.

Doch eines gleich vorweg. Psychotherapie darf nur auf Freiwilligkeit basieren. So manch übereifrige Psychotherapeutinnen und Psychologinnen stürzen sich auf zum Teil sehr schwer chronisch kranke Menschen und suchen noch viel übereifriger in den Biografien nach möglichen Traumata oder Ursachen für die chronische Erkrankungen. Selbst wenn das in der besten Absicht geschieht, kann es zu Retraumatisierungen kommen oder noch viel schlimmer, Menschen, die bislang gut mit ihrer Krankheit zurechtgekommen sind, aus dem Gleichgewicht bringen. Das ist besonders für all jene, die täglich ein komplexes Krankheitsmanagement zu bewältigen haben, mitunter eine so enorme Belastung, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihren Verpflichtungen nachzukommen.

Es sei hier und jetzt daher dahingestellt, ob es eine Ursache, in der möglicherweise auch weit zurückliegenden Vergangenheit für die gegenwärtige Erkrankung gibt. Erst wenn der Leidensdruck groß genug ist – ganz gleich ob seelisch oder aufgrund der körperlichen Beschwerden – werden Menschen Hilfe bei Psychotherapeutinnen, Psychologinnen oder psychologischen Beraterinnen suchen und vielleicht auch die eine oder andere Hilfe finden.

Ohne Zustimmung der Patientinnen geht das jedoch nicht. Erst dann und nur dann, wenn Patientinnen aus sich selbst heraus den Wunsch hegen, möglichen psychischen Ursachen auf den Grund gehen zu wollen, kann Psychotherapie stattfinden und gelingen.

Wer sich genötigt sieht, sich im Rahmen einer Reha oder anderen Therapiekonzepten mit Psychologinnen oder Psychotherapeutinnen gegen seinen Willen auseinandersetzen zu müssen, da diese zum Behandlungskonzept dazugehören, rate ich zu folgender Vorgehensweise:

  • Psychotherapie ist FREIWILLIG! Niemand kann und darf Sie zwingen, sich einer Psychotherapie zu unterziehen, wenn Sie das nicht ausdrücklich wollen.
  • Sollten Sie in eine Situation „geraten“, wo sie sich genötigt sehen in ein Einzelgespräch gehen zu müssen, lassen Sie sich auf gar keinen Fall zu irgend etwas „überreden“, schon gar nicht „drängen“. Bleiben Sie ganz entspannt bei sich und antworten Sie nur auf Fragen, die Sie beantworten wollen. Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob sie Fragen beantworten möchten, lassen sie sich auch mit der Beantwortung dieser Frage – wenn es sein muss über mehrere Tage oder gar Wochen Zeit – bis Sie sich ganz sicher sind! Sie entscheiden, was wann und wie für sie gut oder stimmig ist.
  • Grenzen Sie sich vor Suggestivfragen konsequent ab! Distanzieren Sie sich innerlich von den Fragen so lange, bis Sie für sich herausgefunden haben, ob dies sowohl der passende Rahmen als auch der/die passende Therapeutin für Sie ist! Nur weil sie einer Psychotherapeutin gegenübersitzen, sind sie dieser nicht machtlos ausgeliefert.  Schon gar nicht müssen Sie einer Therapeutin Rede und Antwort stehen.
  • Wenn Sie über bestimmte Themen nicht sprechen wollen, ist das Ihr gutes Recht! Sie entscheiden ganz alleine, was sie thematisieren!
  • Sowohl Psychologinnen, Psychotherapeutinnen als auch psychologische Beraterinnen müssen ihre Grenzen respektieren. Ist das nicht der Fall, wechseln Sie die Therapeutin, beenden Sie das Gespräch und/oder verlassen Sie die Situation, wenn nötig.

Machen Sie sich bitte bewusst, dass Sie chronisch krank sind. Wenn Sie an einer schweren Form der Urtikaria leiden, kann es unter Umständen sein, dass sie sich von der Situation völlig zurecht mitgenommen fühlen. Achten Sie daher gut auf sich, wenn Sie sich in einem psychisch geschwächten Zustand befinden. Sie könnten sich leichter zu etwas verleiten lassen, was Sie im Nachhinein betrachtet, in einem Zustand der Ausgeglichenheit nicht getan hätten.

Es gibt Arbeitsmethoden, Vorgehensweisen und Haltungen, die die Potentiale, Stärken und Kraftquellen von Menschen mit chronischen Erkrankungen in den Vordergrund stellen. Dieser Zugang ist ressourcenorientiert und für Menschen besonders wertvoll und nützlich.

So können Patientinnen sinnvoll in jeder Phase ihrer Krankheit in der Alltags- und Krankheitsbewältigung gestärkt und effektiv begleitet werden. Dies kann für später auch den Boden aufbereiten, sich möglicherweise weiter zurückliegenden Themen zu widmen, die einer Aufarbeiten bedürfen könnten, falls erforderlich.

Nicht zu unterschätzen sind auch die Selbstheilungskräfte, die in jedem Menschen schlummern und manchmal auch nur „geweckt“ werden wollen. Eine gute Beraterin wird sie auch dabei unterstützen können.