Der anaphylaktische Schock und das Notfallset

Der anaphylaktische Schock und das Notfallset

Wie groß ist die Chance/Gefahr, einen anaphylaktischen Schock nach einer Gabe von Xolair zu bekommen?

Die Gefahr einer anaphylaktischen Reaktion nach Gabe von Xolair ist als gering einzuschätzen, insbesondere in der Behandlung von Patienten mit Urtikaria. Die meisten anaphylaktischen Reaktionen traten bei den ersten 3 Anwendungen von Xolair auf. Daher sollen die ersten 3 Anwendungen durch medizinisches Fachpersonal oder unter dessen Aufsicht verabreicht werden.  
Prof. Dr. Karoline Krause

Sind Patienten, die bereits einen Schock oder gar mehrere Schockreaktionen hatten, eher gefährdet? Gibt es Risikopatient*innen (z. B.: Herzerkrankungen?).

Anaphylaxie in der Vorgeschichte, die nicht im Zusammenhang mit Omalizumab stand, kann einen Risikofaktor für das Auftreten von Anaphylaxie nach Verabreichung von Xolair darstellen. Aus diesem Grund muss Xolair bei Patienten mit bekannter Anaphylaxie in der Vorgeschichte durch medizinisches Fachpersonal verabreicht werden. Generell wurden anaphylaktische Reaktionen vorzugsweise bei Patienten mit allergischem Asthma und kaum bei Urtikaria Patienten beobachtet. 
Prof. Dr. Karoline Krause

Mythos Notfallset:  Nicht jeder Patient benötigt ein Notfallset bestehend aus Epipen, schnellauflösendem Kortison, flüssigem Antihistamin. Viele bezeichnen das Mitführen von Kortison oder flüssigem Antihistamin als Notfallset. Was gilt als Notfallset? Was gilt wann als Notfall?

Das klassische Notfallset in der Allergologie besteht aus einem Adrenalin-Pen, flüssigem Kortison und einem flüssigen Antihistaminikum. Zum Einsatz kommt es bei Patienten mit Anaphylaxie in der Vorgeschichte, in den meisten Fällen handelt es sich dabei um Patienten mit Bienen- oder Wespengiftallergie. Im Rahmen einer Anaphylaxie kann es zu schweren Kreislaufreaktionen kommen, weshalb hier das Adrenalin eine besondere Bedeutung hat und das wichtigste Medikament in einem Notfallset darstellt. Im Rahmen einer chronischen spontanen Urtikaria kommt es jedoch nicht zu Kreislaufreaktionen, daher benötigen diese Patienten keinen Adrenalin-Pen. Patienten mit einer Urtikaria die Schwellungen im Mundbereich, insbesondere der Zunge, entwickeln, erhalten üblicherweise ein Notfallset welches nur aus dem flüssigen Kortison und Antihistaminikum besteht. Der Grund hierfür ist, dass bei einer stark geschwollenen Zunge die Einnahme von Tabletten oftmals schwierig ist, man aber nicht abwarten will bis die Schwellung von alleine wieder weggeht, sondern möglichst schnell eine Besserung erreichen will. 
Prof. Dr. Martin Metz

Welche Patienten benötigen ein Notfallset oder sollten in welchem Falle eines verschrieben bekommen?  

Ein Notfallset ist sinnvoll für Patienten mit Angioödemen (Schwellungen) im Mund-Halsbereich. Hier wird wie oben genannt meist flüssiges Kortison und ein Antihistaminikum verordnet. Zusätzlich kommt ein Notfallset für Patienten mit Kälteurtikaria bzw. für Patienten mit einer so genannten anstrengungsinduzierten Anaphylaxie infrage (bei letzterer ruft Anstrengung neben Quaddeln auch Kreislaufsymptome hervor). Bei Kälteurtikaria und anstrengungsinduzierter Anaphylaxie sollten neben Kortison und Antihistaminikum auch ein Adrenalinpen verordnet werden, da  es bei beiden Erkrankungen zu Kreislaufreaktionen kommen kann. 
Prof. Dr. Karoline Krause

Muss ein Patient, der am gesamten Körper dicht übersät quaddelt, ein Notfallset mit sich führen, da er Gefahr läuft einen anaphylaktischen Schock zu bekommen?

Starke Quaddelschübe bei chronischer Urtikaria können mit Kälte- und/oder Schwächegefühl sowie Müdigkeit einhergehen. Berichte über Notfallsituationen bei starken Quaddelschüben gibt es aus der Literatur kaum. Wenn, dann waren Patienten mit Kälteurtikaria mit großflächiger Kaltwasserexposition oder Patienten mit cholinergischer Urtikaria und starker Anstrengung betroffen. Wenn also Patienten mit großflächigen Quaddelschüben betroffen sind, aber keine Angioödeme bisher entwickelt haben und keine besonderen Konstellationen wie Kälteurtikaria etc. bestehen, ist ein Notfallset nicht notwendig. 
Priv. Doz. OA Dr. Sabine Altrichter

Ist bzw. wann ist der Einsatz von Kortison sinnvoll um den Quaddeln und dem Juckreiz Herr zu werden?

Im Allgemeinen muss bei Kortison-Präparaten zwischen der lokalen Anwendung auf der Haut (z.B. als Cremes) und der Möglichkeit der systemischen Verabreichung (z.B. oral, intravenös oder intramuskulär) unterschieden werden.  

Die Anwendung von Kortison-haltigen Präparaten auf der Haut im Rahmen einer chronischen Urtikaria ist prinzipiell nicht hilfreich um den Juckreiz und die Quaddeln zu verbessern und daher nicht zu empfehlen.   

Zur prophylaktischen Therapie der Quaddeln und des Juckreizes steht an erster Stelle die feste Einnahme von Antihistaminika in 1-facher bis maximal 4-facher Dosierung täglich. Sollte hierunter über mehrere Wochen weiterhin keine ausreichende Kontrolle über das Auftreten von Quaddeln und Juckreiz bestehen, kann als nächster Schritt Omalizumab eingeleitet werden. Der Einsatz von systemischem Kortison sollte dann, wenn überhaupt noch notwendig, nur bei akuten Quaddelschüben mit Juckreiz nur kurzfristig (für maximal 10 Tage) und sparsam erfolgen. Vom langfristigen Gebrauch von Kortison, auch in niedrigeren Dosierungen, sollte generell Abstand genommen werden um das Auftreten von Nebenwirkungen (z.B. Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Osteoporose, Grauer Star etc.) zu verhindern. 
Dr. Thomas Buttgereit

Ist es möglich, bei längerfristiger Einnahme (10 Jahre) eines Kortison Sprays (täglich mehrmals) Angst- und oder Panikattacken zu entwickeln? 

Kortisonsprays (inhalative Corticosteroide) werden vorrangig in der Therapie des Asthmas eingesetzt. Die Verwendung von Kortisonsprays bei chronischer spontaner Urtikaria ist nicht in der Leitlinie vorgesehen. Die häufigsten Nebenwirkungen von Kortisonsprays sind die Entwicklung von Entzündungen im Mund- und Halsbereich wie zum Beispiel Pilzinfektionen, weshalb eine regelmäßige Mundpflege bedeutsam ist.  

Neuropsychiatrische Krankheitsbilder wie unter anderem Angst- und Panikattacken sind in Assoziation mit der Einnahme von systemischen Corticosteroiden beschrieben, nicht aber bei der Inhalation von Kortison. 

Bei der Verwendung von Kortisonsprays geht nur ein sehr geringer Teil des Wirkstoffes in den Kreislauf über, der größte Anteil wird bereits in der Lunge verstoffwechselt. In der Literatur sind Einzelfälle von Patienten beschrieben, welche Kortisonsprays eingenommen haben und neuropsychiatrische Erkrankungen entwickelt haben. Genaue Zahlen zur Häufigkeit des Auftretens dieser Nebenwirkungen oder zur Dauer der Einnahme im Bezug zur Auftretenswahrscheinlichkeit sind nicht bekannt. 
Dr. Hanna Bonnekoh und Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann