Neue Wege zum Patienten gehen noch weiter - Teil 5

Neue Wege zum Patienten gehen noch weiter - Teil 5

Unsere kleine Reise durch digitale Optionen im Gesundheitswesen, die eine bessere Versorgung in sämtlichen Bereichen ermöglichen und gleichzeitig eine Kostendämpfung erreichen sollen, kommt mit diesem Beitrag an ihr Ende. Allerdings hat diese Reise mittlerweile global eine derartige Fahrt aufgenommen, dass kaum absehbar ist, was in Kürze entdeckt oder möglich sein wird. Darum möchte ich hier abschließend ein paar Ausblicke formulieren.

Ein derzeit enorm erfolgreicher und zugleich beunruhigender Bereich kreist um neue Entwicklungen in der Gentechnologie. CRISPR/Cas9 ist dafür das Schlagwort, wenngleich die neuen Methoden längst eine viel größere Tiefe und Breite erreicht haben. Man nennt sie „Genschere“, weil es mit dieser aus der Natur abgeschauten Methode möglich ist, das Genom gezielt zu modifizieren – und zwar immer präziser und erfolgreicher. Damit kommen nicht nur endlich Therapiemöglichkeiten für Erbkrankheiten und andere schwere Erkrankungen (Krebs usw.) in Reichweite, sondern auch das bekannte Designer-Baby – und alles, was zwischen diesen beiden Polen rangiert. Die gesellschaftlichen und ethischen Herausforderungen sind dabei enorm und es stellt sich die Frage, was von den künftigen Möglichkeiten genutzt und was zurückgewiesen werden sollte. Hierüber gibt es aktuell keinerlei Konsens.

Mit diesem neuen Ansatz ist auch das Thema „Körper nach Maß“ keine reine Illusion mehr. So wird etwa an verschiedenen Methoden gearbeitet, um ohne eigenes Zutun mittels Enzyme ein Idealgewicht zu erhalten, oder Körperkondition einfach „anzuschalten“, Alkoholkonsum automatisch in einem bestimmten Bereich zu halten, Keimzellen (Spermien und Eizellen) aus beliebigen Körperzellen herzustellen oder gar altersbedingte Einschränkungen zu eliminieren oder überhaupt den Alterungsprozess zu stoppen. Derzeit ist die Wissenschaft in Bereiche vorgestoßen, in denen es scheinbar eine Frage der Vorstellungskraft ist, an welcher Stellschraube des Lebens man noch drehen möchte. Natürlich ist Vieles davon erst im Forschungsstadium, aber hier immerhin recht erfolgversprechend.

Ebenfalls intensive Forschung ereignet sich im Bereich 3D-Druck und insbesondere Bioprinting. Mit diesen Verfahren können Erzeugnisse mit eigenen Körperanteilen hergestellt werden. Während Knochen und andere „harte Ersatzteile“ dabei eher weniger Probleme darstellen, sind Organe oder Gefäße schwieriger zu realisieren. Der Fortschritt erobert jedoch auch diese Bastionen und die Hoffnung auf dringend notwendige Organe aus dem Drucker, die vom Körper nicht abgestoßen werden und somit keine Immunsuppressiva erfordern, wird schrittweise realer. Ein erstes funktionierendes Mini-Herz konnte 2019 in Israel bereits präsentiert werden und „Herz-Pflaster“ sind bereits in der Pipeline.

Ebenfalls spannend gestaltet sich die Forschung auf der Ebene der Gehirn-Umwelt-Interaktion, wobei hier sehr unterschiedliche Ansätze verfolgt werden. Einerseits wird versucht, Gehirnprozesse mittels Schnittstelle zu Algorithmen oder pharmakologisch zu optimieren oder von Beeinträchtigungen zu befreien. Hier sind Begriffe wie Brain-Computer-Interface (BCI) oder Neuro-Enhancement angesiedelt. Problematisch dabei ist, dass sich teilweise nur schwer zwischen Therapie und Optimierung unterscheiden lässt und darum auch unklar ist, welche Interventionen am Gehirn zulässig sein sollen und welche nicht. Echte Fortschritte sind hier derzeit zu verzeichnen bei fühlenden (Bein-) Prothesen, die direkt sensorisch mit dem Gehirn verkoppelt sind oder bei Exoskeletten, die direkte vom Gehirn gesteuert werden können. Mittels BCI soll es (gelähmten oder anderen) Menschen einmal möglich sein, sämtliche Elemente der eigenen Wohnung über Gedanken zu steuern.

Abschließend möchte ich noch Gamification und Nudging erwähnen, die etwa zur Steigerung der Adhärenz in Therapie und Prävention einsetzbar sind. Durch Spielfaktoren und (soziales) Anstupsen werden Motivationssysteme des Menschen aktiviert, die ihn gesundheitskonformer agieren lassen. Wenn adäquate Bewegung und Ernährung auch Spaß machen, fällt es leichter, sie beizubehalten und somit für die eigene Gesundheit zu sorgen. Allerdings ist das Gesundheitswe-sen hier in vielen Bereichen noch zu „kopflastig“, anstatt konsequent die emotionalen Seiten des

Menschen anzusprechen. Ideen und Möglichkeiten (mit Integration von Datenbrillen usw.) gäbe es unzählige, lediglich die passende (und sinnvoll finanzierte) Umsetzung scheitert häufig.

Ein Schlusswort: Angesichts der kaum noch überblickbaren Entwicklungen brauchen wir als Einzelne und als Gesellschaft einerseits eine offene Geisteshaltung, andererseits kompetente kritische Reflexionsfähigkeit, um herauszufinden, was wir eigentlich wollen – und warum.