Verschwörungstheorien und der Lebenshilfemarkt

Verschwörungstheorien und der Lebenshilfemarkt

Seit Ausbruch von Corona jagt eine Verschwörungstheorie die andere. Angst vor einer möglichen einer Impfpflicht wird verbreitet, indem behauptet wird, Bill Gates würde die Menschen damit chipen wollen, um sie manipulierbar zu machen. Andere Theorien besagen, dass mit dem Corona-Virus ein Teil der Menschheit ausgerottet werden soll, weil die Erde überbevölkert sei. Der Virus sei eigens dafür entwickelt und ausgesetzt worden. WIederum andere Verschwörungstheoretiker behaupten, der Präsident der amerikanischen Stasten, Donald Trump, steigt bei Qunan oder auch Q genannt zum Retter der Welt auf, in dem er angeblich den tiefen Staat aushebelt und pädophile Staatsmänner verhaften lässt. Im Gegensatz dazu gibt es einen Aufschrei der ekstatischen Freude in der Erotikszene. Angeblich stehen uns große gesellschaftliche Veränderungen bevor. Ein großer Aufschrei zur Selbstfindung findet statt.

Wir haben mit dem Experten, Mag. Dr. Martin Felinger, ein ausführliches Gespräch über Verschwörungstheorien und die Esoterikszene geführt.

Wie kommen Verschwörungstheorien zustande? 

Personen, die Verschwörungstheorien in die Welt setzen, können dies unterschiedliche Motive verbreiten. Zum einen kann es der persönliche Auftrag sein, die Menschheit zu retten und die „Wahrheit“ zu vermitteln, zum anderen kann aber auch die gezielte Verwirrung einer Gruppe von Menschen ein Motiv darstellen, um Einfluss über andere zu erlangen. Zusätzliche Angst und Verunsicherung zu verbreiten kann für Einzelpersonen persönliche Zufriedenheit auslösen, es kann aber für Organisationen oder Staaten, die solche Meldungen verbreiten, auch das Ziel einer systematischen Destabilisierung einer Gesellschaft sein. Oftmals gehen diese Theorien von einer Person oder einer Gruppe an Menschen aus und verbreiten sich durch die sozialen Medien schneller als jedes Virus.  

Warum finden sich so viele Anhänger solcher Theorien?  

Nährböden von Verschwörungstheorien sind Zeiten, wo Unsicherheit herrscht und Menschen Ängste haben. Die Suche nach den richtigen Informationen, die das (Über-)Leben sichern, wird hierbei existentiell. Durch die Vielfalt an Informationen in unserer digitalen Gesellschaft wird es ebenso immer schwieriger Facts und Fakes zu unterscheiden. Um sich in einer Krisenzeit am besten zu schützen suchen Menschen nach einem Informationsvorsprung und verfallen leichter in den Glauben an Verschwörungstheorien.  

Welche Menschentypen sind dafür besonders anfällig und worin liegen die Ursachen?  

Bereitet Menschen das Virus eine übermäßige Angst, kann es ein Abwehrmechanismus sein, Beweise zu suchen, dass es sich in der aktuellen Situation nicht um eine medizinische Gefahr sondern um eine politische Aktion handelt, die uns nur etwas vorspielt und für die Gesundheit nicht mehr Gefahr besteht als bei jeder Grippe. Dies entkräftet die Angst und die Situation wird für den Einzelnen einfacher.  

Wo sehen Sie die Gefahren und Risiken für unsere Gesellschaft?  

Gefährlich wird es dann, wenn nicht mehr zu unterscheiden ist, was wissenschaftlich gesicherte Informationen sind und welche Informationen dies nur behaupten, aber nicht einer seriösen Prüfung standhalten. Wenn große Teile der Gesellschaft diese Unterscheidung nicht mehr treffen können, dann entsteht Chaos und damit aber auch die Möglichkeit für Weltverschwörer, mit gezielten Falschmeldungen die Bevölkerung zu manipulieren.  

Derzeit wird man von einer Fülle an Theorien auf verschiedenen Kanälen überflutet. Selbst in meinem Freundes- und  Bekanntenkreis werden erschreckend viele dieser Videos- und Informationen geteilt oder weitergeleitet. Gibt es Empfehlung für einen sinnvollen Umgang? Wie kann ich unterscheiden, welche Informationen für mich wichtig und richtig sind und ab wann handelt es sich um Verschwörungstheorien, denen ich keinen Glauben schenken soll?  

Mit der Fülle und der Vielfalt von Informationen wird es unmöglich alles selbst nachzuprüfen. Es steigt damit die eigene Verantwortung Nachrichtenquellen auszuwählen, denen man vertrauen möchte. Medien, die wissenschaftliche Erkenntnisse bringen, diese auch entsprechend relativieren, Informationen oftmals etwas später aber dafür geprüft veröffentlichen sowie Vermutungen als solche benennen und sich auch immer wieder konstruktiver Kritik stellen, können als solche gelten. Die Sozialen Plattformen sind in keiner Weise kontrolliert, jeder kann ungeprüft posten und je krasser und dramatischer die Meldungen sind, desto mehr Aufmerksamkeit wird erreicht. Es ist daher besser, einigen wenigen geprüften Quellen zu vertrauen als die gesamte Informationsflut überblicken zu wollen – sonst steigt deutlich die Gefahr, Informationen falsch zu gewichten.  

Woran merke ich, dass ich für Verschwörungstheorien anfällig sein könnte und wie kann ich aktiv gegensteuern bzw. mich schützen?  

Ein Zeichen könnte sein wenn man bewusst nach spektakulären und außergewöhnlichen Informationen sucht. Wenn die Informationen, die abseits des Mainstreams liegen, ein größeres Interesse auslösen, ist eher ein Gefährdungspotential gegeben. Am besten schützt man sich, wenn man sich diesen Meldungen nicht ausgesetzt ist. Ein Tipp wäre gerade in einer solchen krisenhaften Zeit bewusst 2-3 Informationsquellen für sich auszuwählen und vor allem alle nicht geprüften Medien nicht zu konsumieren.  

Wo bekomme ich Hilfe, wenn ich mich von Verschwörungstheorien verunsichert oder belastet fühle?   

Beratungsstellen für Sekten und Weltanschauungsfragen können hier oftmals weiterhelfen. Oft hilft aber auch ein Gespräch mit Familienmitgliedern oder Freunden um Irritationen auszuräumen und eine realistischere Sichtweise zu erlangen.  

Die Esoterikszene befindet sich derzeit ebenso in Aufbruchsstimmung: Mehr oder weniger bekannte sogenannte „spirituelle Lehrer” (Tepperwein, Zuhorst, Ellen Michels, Christine das Kristallkind, etc.) oder Channelmediums geben ihrerseits zum Besten, dass wir uns an einem Scheideweg befänden, das Licht kämpfe gegen den Schatten und uns stünden große gesellschaftliche Umbrüche bevor, der sogenannten spirituelle Aufstieg in die 5 Dimension fände derzeit statt. Es findet ein großer Aufruf zum „spirituellen Erwachen”, „bewusst werden” statt und die Zeit soll jetzt genutzt werden, in die „Suche nach dem Selbst” (Wer bin ich wirklich? Warum bin ich hier?). 

Während vielerorts weltweit Menschen an Covid-19 sterben, lächeln diese Menschen in ihre Handykameras und erzählen von einer „großen Freude” die sie spüren würden, weil „es jetzt losginge”. Das alles wirkt sehr verstörend und erzeugt bei vielen Menschen einen zusätzlichen Stress und Verunsicherung. Es gab solche Bewegungen bereits 2000 sowie 2012. Auch hier stellt sich uns die Frage: Wie kommt so etwas in einem weltweiten Ausnahmezustand, wie wir ihn alle bisher noch nicht erlebt haben, zu Stande?  

Die Esoterikszene definiert sich darüber, Krisen, die sie in einer Person selbst auslöst oder die bereits vorhandenen sind, zu lösen. Diese Lösung besteht jedoch meist nur in einer Scheinlösung.  

In der Esoterik wird sehr häufig mit angstmachenden Aussagen und Theorien gearbeitet, deswegen verwundert es nicht sehr, dass auch die aktuelle Krise dazu benutzt wird, den Menschen zum einen zusätzlich Angst zu machen andererseits aber sich selbst als TrägerIn eines Geheimwissen darzustellen. Dieses “Wissen“ stellt den einzigen Weg dar, aus der Krise wieder herauszukommen. Glaubt man den Aussagen der jeweiligen esoterischen Richtung, dann gibt es nur eine einzige Lösung – nämlich die des Vertreters dieser Ansichten – welche dann oftmals mit höhen Geldforderungen beschritten werden muss.  

Welche Menschen sind für Esoterik besonders anfällig bzw. gefährdet?  

Häufig sind es Personen im höheren Erwachsenenalter, die sehr offen für alles Neue sind, die (zumindest in manchen Bereichen) in ihrem Leben unzufrieden sind und nach Alternativen zur aktuellen Lebensführung suchen. Diese Personen suchen in der Esoterik eine Hilfe oder Kompensation für Problemfelder in ihrem Leben. Dies kann im gesundheitlichen oder sozialen Lebensbereich wie auch in der Suche nach dem Sinn des Lebens sein.  

Wie schätzen Sie die Entwicklung in der Esoterikszene ein, wo kann man sie verorten und was kann man konkret tun, um sich davor zu schützen?   

Vor allem in Krisen steigt die Hinwendung zur Esoterik merkbar. Ich gehe davon aus, dass die Angebote weiter steigen und neue Strömungen entstehen. Für den Hilfesuchenden wird es immer schwieriger zu prüfen um Seriöses von Unseriösem zu unterscheiden. Das kritische Denken ist jedoch die einzige Ressource, die uns bleibt, um nicht auf die Scharlatanerien hereinzufallen.