Waldbaden

Waldbaden

Die aus Japan kommende Bewegung ist vermutlich mehr als bloß ein vorübergehender Trend. „Shinrin-yoku“ oder „Wald(luft)baden“, ein Programm der staatlichen Gesundheitsversorgung, bedeutet, in die Atmosphäre des Waldes einzutauchen und wird in Japan intensiv erforscht, um die medizinische Wirkung nachzuweisen.  
Auch Wissenschaftler in Deutschland und Österreich erheben, ob sich der heimische Wald für medizinische Zwecke nutzen lässt. Das zur Charité gehörende Immanuel-Krankenhaus z.B. plant einen Waldbadepfad direkt am Berliner Wannsee. 

Der Wald tut Geist und Seele gut.

Der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson nannte in den achtziger Jahren unsere Liebe zu allem Lebendigen „Biophilia“, wir seien Teil des web of life. Der Begriff wurde bereits von Erich Fromm 1964 geprägt. „Die Biophilie ist die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen, sie ist der Wunsch, das Wachstum zu fördern, ob es sich nun um einen Menschen, eine Pflanze, eine Idee oder eine soziale Gruppe handelt.“ Unsere Verbindung mit der Natur sei “das Resultat eines Jahrmillionen langen Evolutionsprozesses”, schreibt auch der österreichische Biologe Clemens Arvay in seinem 2016 erschienenen Buch Der Biophilia-Effekt. Die Natur ist “unser evolutionäres Zuhause”. 
 

„Wahrscheinlich steckt uns die Vorliebe für bestimmte Biotope immer noch in den Genen“, meint auch der Förster Peter Wohlleben, der die Wechselwirkungen zwischen Bäumen und Menschen beschreibt; „Menschen reagieren auch auf Botenstoffe”.  

Der Wald tut auch unserem Körper gut.

Qing Li, Professor für Umweltimmunologie an der Nippon Medical School, praktiziert täglich Shinrin-yoku: “Schau dir die Farben der Bäume an, atme tief ein, höre die Blätter rauschen. Waldgänge klären Gedanken, schon ein kurzer entspannter Spaziergang einen Einfluss auf unsere Gesundheit. Im Wald steigt die Zahl der Killerzellen, und das Immunsystem verbessert sich. Blutdruck, Kortisol und Puls sinkt schon nach einer Stunde im Wald.“ Inzwischen gibt es Waldbaden in Japan bereits auf Krankenschein. 

Auch das Hormon DHEA, Cortisol-Gegenspieler und damit stressreduzierend, nimmt bei Aufenthalten in der Natur zu. Die reizabhängige Gehirnleistung wird in der Stille des Waldes heruntergeregelt und damit wird das Wachstum neuer Gehirnzellen im Hippokampus, der für Emotionen, Gedächnis und Lernen zuständig ist, angeregt. Darüber hinaus steigen Konzentrationsfähigkeit, Kreativität, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. 

1984 sorgte der schwedische Forscher Roger Ulrich mit einer Studie für Aufsehen, der zufolge Patienten schneller gesund werden, wenn sie ins Grüne schauen. Die eine Hälfte hatte aus ihren Zimmern auf eine Wand geblickt, die andere auf eine Grünfläche mit Bäumen. Ergebnis: Wer die Aussicht ins Grüne hatte, wurde einen Tag früher entlassen als die Vergleichsgruppe (acht statt neun Tage). 

“Ein Blick ins Grüne führt uns zu unseren Ursprüngen zurück, das Klima des Waldes führt zu einem Erholungseffekt durch Stressreduktion”

sagt auch Angela Schuh, Professorin für Medizinische Klimatologie. Es gibt Hinweise für eine Zunahme der Leistungsfähigkeit des Immunsystems, allerdings erfordert es mehr Studien.  

Farben drücken Gefühle aus – und regen selbst welche an, sie wirken auf Körper und Seele. Bereits in der Antike wurde in der Heilkunde mit Farben experimentiert, in Ägypten gab es zur Genesung Farbtempel mit mehreren Räumen in verschiedenen Farben. Grün fördert Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Ausdauer, Toleranz und Zufriedenheit. 

Der japanische Waldforscher Qing Li weist in seinen Arbeiten den Botenstoffen der Bäume eine zentrale Bedeutung zu. Diese Terpene dienen bei Pflanzen der Kommunikation und der Feindabwehr, etwa um schädliche Insekten abzuschrecken. 

Hanns Hatt, renommierter Geruchs- und Geschmacksforscher an der Universität Bochum, hat nachgewiesen, dass Düfte selbst dann wirken, wenn man sie gar nicht riechen kann. Es sind nicht die Düfte selbst, die uns guttun, sondern das Duftmuster. “Die meisten Menschen erinnern sich an schöne Walderlebnisse. Die Konditionierung durch Wald ist fast immer positiv.“  

Andreas Michalsen, Arzt für Naturheilkunde am Immanuel-Krankenhaus in Berlin sagt; “Waldbaden ist eine Interaktion mit der Natur, sie ist multifaktorell. Man könne von einer instinktiven Reaktion unseres Körpers sprechen. Dabei geht es nicht darum, dass Patienten etwas leisten, sondern sich ihrer selbst bewusst werden, sich spüren. Waldbaden hat mit Achtsamkeit zu tun. Das funktioniert aber auch ohne Bäume. Jeder Park, jeder Stadtgarten biete dafür die Möglichkeit.“ Michalsen geht es um die Alltagsnähe, also darum, die Natur ins Leben zu integrieren. Wie wichtig das ist, untersuchte eine Studie, für die 290 Frauen und Männer nach ihren sommerlichen Gartenbesuchen befragt wurden. Es zeigte sich, dass die Selbsteinschätzung der eigenen Gesundheit besser ausfällt, wenn sich die Alten im Garten aufgehalten hatten, die Natur lenkte sie ab – auch von ihren Beschwerden und Schmerzen.  

Gemütliches Spazieren im Wald und Gartenbesuche kann man – je nach Vorliebe – zu zweit, in Gruppen, geführt oder alleine genießen. Sie lassen sich ohne großen Aufwand fast überall durchführen und führen nachweislich zu Entschleunigung und Entspannung. „Endlich dürfen wir wieder wie Kinder im Wald herumtrödeln”, sagt dazu Peter Wohlleben.  

Quellen: ZEIT Wissen Nr. 3/2018, 8. Mai 2018, Kemper/Londene 

und Der Wald tut gut! K. Greuner/M. Kiem